Am Montag fand unsere Chemie³-Dialogveranstaltung „Standort unter Druck: Können wir uns die Transformation noch leisten?“ in Berlin statt. Der Titel machte, so war es von uns Veranstaltern auch intendiert, natürlich eine recht klassische Debatte über Wettbewerbsfähigkeit, Klimaneutralität und Standortkosten erwartbar. Vielleicht waren daher auch einige im Publikum überrascht, dass der Auftaktimpuls von Claudia Major kam und sich erst einmal mit dem Thema Sicherheitspolitik befasste.
Claudia Major erzählte von einem Telefonat mit einem Freund in Israel. Kurz vor einem Angriff gäbe es dort keine Hysterie: Krankenhäuser räumen Betten, Operationen werden verschoben, die Wege in den Bunker sind klar, jede:r weiß, was zu tun ist. Mit diesem Beispiel war sofort klar, worauf sie hinauswollte: Die Frage nach Zukunftsfähigkeit ist längst auch eine Frage der praktischen und mentalen Resilienz.
Wir sprechen in der Chemiebranche ständig über Transformation. Meist meinen wir damit Klimaneutralität, Wettbewerbsfähigkeit, Energiepreise, industrielle Wertschöpfung, Investitionen, Regulierung. Das ist alles richtig, ist aber nur ein Ausschnitt. Majors Kernpunkt war ein anderer: Zukunftsfähigkeit hängt längst auch an Krisenfestigkeit, sicherheitspolitischer Handlungsfähigkeit und gesellschaftlicher Resilienz.
In ihrer Argumentationslinie beschrieb sie die Lage dabei als strukturelle Systemumwälzung. Der Kontext, in dem Deutschland und Europa lange erfolgreich operieren konnten, verändert sich fundamental. Sicherheitsordnung, Freihandel und internationale Organisationen existieren formal weiter, verlieren aber an Verbindlichkeit. Die Regeln stehen noch auf dem Papier, werden in der Praxis aber immer öfter missachtet.
Daraus leitete sie vier Trends ab: Erstens die Verrohung internationaler Beziehungen. Gewalt wird wieder offener als legitimes und effizientes Mittel zur Durchsetzung von Interessen betrachtet. Zweitens die verschärfte Geoökonomie. Ressourcen, Lieferketten, Zölle, Abhängigkeiten und kritische Rohstoffe sind längst Teil machtpolitischer Auseinandersetzungen. Drittens die verstärkte Multipolarität. Europa bewegt sich zwischen einem unilateraler auftretenden Amerika, einem revisionistischen Russland, einem selbstbewussten China und einem globalen Süden, der eigene Interessen offensiver vertritt. Viertens Technologien als Machtinstrumente. Gerade bei KI geht es in dieser Perspektive eben nicht um Innovation allein, sondern um Kontrolle, Abhängigkeit und Zwangspotenziale.
Genau an dieser Stelle wurde der Impuls für die Veranstaltung so relevant, indem er den Begriff Transformation erweitert hat. Wer heute über Zukunftsfähigkeit eines Standorts spricht, muss die sicherheitspolitische Lage zwangsläufig mitdenken. Die gewohnte Trennung zwischen Wirtschaftsdebatte hier und Geopolitik dort trägt nicht mehr weit.
Im zweiten Schritt wurde Claudia Major noch konkreter. Ihr Punkt war, dass der Konflikt uns nicht erst bevorsteht, sondern dass wir längst mittendrin sind. Europa hat sehr lange auf Verflechtung gesetzt, auf gegenseitige Abhängigkeit, auf die Hoffnung, dass engere Beziehungen Konflikte entschärfen. Mit Blick auf Russland hat das nicht funktioniert. Gleichzeitig greift die alte Einteilung in Krieg und Frieden zu kurz. Gerade die große Grauzone dazwischen ist die Zone, in der offene Gesellschaften besonders verwundbar sind: Cyberangriffe, Angriffe auf Infrastruktur, Desinformation, Lieferunterbrechungen, Druck auf kritische Abhängigkeiten.
Deshalb blieb sie auch nicht bei der Diagnose stehen. Ihre Antwort darauf war zweigeteilt: Abschreckung und Verteidigung im militärischen Bereich, Resilienz im nichtmilitärischen. Der zweite Teil ist für Unternehmen, Institutionen und Gesellschaft fast der schwierigere. Der Begriff meint Redundanzen, Vorsorge, alternative Versorgungswege, Kampagnen gegen Desinformation, robuste Lieferketten, medizinische Vorbereitung, funktionierende Kommunikation im Krisenfall. Und vor allem meint der Begriff ein anderes Selbstverständnis. Major hat das sehr zugespitzt: Resilienz heißt, Akteur:in zu sein und nicht Opfer.
Diese Art von Resilienz lässt sich nicht einfach an den Staat outsourcen. Sie beginnt viel früher, auch im Kleinen: In Organisationen, die durchspielen müssen, was ein Ausfall von Infrastruktur bedeutet. In Unternehmen, die wissen sollten, wo ihre Verwundbarkeiten liegen. In einer Gesellschaft, die sich ehrlich fragen muss, was sie eigentlich zu schützen bereit ist und welchen Preis sie dafür zu zahlen bereit wäre.
Das hat für mich die anschließenden Diskussionsrunden unserer Chemie3-Veranstaltung auch in ein anderes Licht gerückt. Natürlich ging es dort um die klassischen Streitpunkte der Transformationsdebatte: Investitionsbedingungen, Emissionshandel, industrielle Stärke, Beschäftigung, politische Kompromissfähigkeit. Mit Mona Neubaur, Christian Moser, Markus Steilemann, Heike Vesper, Katja Scharpwinkel, Michael Vassiliadis, Michael Hüther und Anke Rehlinger war das prominent und erwartbar kontrovers besetzt. Aber über allem lag für mich Majors Vorfrage: In welchem globalen Umfeld führen wir diese Debatten inzwischen eigentlich?
Genau deshalb bleibt mir von der Veranstaltung vor allem ihr Auftakt, der einen guten Rahmen schuf, in dem die übrigen Debatten stattfinden sollten. Transformation in der Chemie ist längst mehr als Dekarbonisierung, Standortkosten und Industriepolitik. Sie findet in einer Welt statt, die rauer, härter und instabiler geworden ist. Wenn wir diesen Rahmen ausblenden, reden wir über Transformation auf eine Weise, die zu sauber, zu bequem und am Ende auch zu unpräzise ist. Resilienz gehört daher mitten in diese Debatte.
Noch ein persönlicher Take: Als ‚ohnehin Claudia-Major-Fan‘ und außerdem ehrenamtlich in der Radpolitik tätige und vielradelnde Person (puh, lange Beschreibung) habe ich mich besonders gefreut, dass Claudia Major trotz Regens mit dem Rad angefahren kam. Ein Smalltalk-Thema war damit auch direkt gefunden: Wir tauschten uns über die erstaunten Blicke aus, die man erntet, wenn man irgendwo in voller Rad-Regen-Montur ankommt und sich in null Komma nichts wieder in eine Business-Person zurückverwandelt.

