Hätte der Tag mehr Stunden, würde ich definitiv mehr lesen. Meine Liste mit Büchern, die ich noch lesen möchte, umfasst derzeit 57 Positionen; schon gelesen habe ich dieses Jahr 82 Bücher. Bis ich die 57 offenen Bücher aber durchhabe, hat sich die Liste aber sicher schon wieder verdoppelt …
Diese Woche habe ich neben Belletristik die beiden Bücher „Zukunftskompetenz. Alles, was wir über morgen wissen (können)“ von Matthias Horx und „Polarisierung“ von Nils C. Kumkar gelesen. Daneben fiel mir noch ein Artikel in die Hände, der sich mit Futures Literacy beschäftigt und diese Kompetenz zu remodellieren versuchte. Die drei ‚Lektürestücke‘ hatten immer wieder Anknüpfungspunkte aneinander, weshalb ich diese hier zusammenführen möchte.
Im Paper von Tamás Gáspár zu Futures Literacy blieb bei mir vor allem ein Befund hängen: Mehr Offenheit für verschiedene Zukünfte kann Menschen handlungsfähiger machen und ihnen gleichzeitig mehr Zukunftsangst eintragen. Ich finde diesen Satz deshalb so treffend, weil er ein Kernproblem der Gegenwart wunderbar auf den Punkt bringt: Wir sollen offen denken, flexibel handeln, Neues antizipieren; gleichzeitig ist genau diese Offenheit für viele längst kein Freiheitsraum mehr, sondern komplette Überforderung.
Matthias Horx beschreibt in seinem Buch genau diesen Hintergrund. Zukunft, schreibt er, wirkt wieder wie ein Schicksal. Die Omnikrise produziert eine Welt, in der das Selbstverständliche brüchig wird und Zukunftsbilder auseinanderlaufen. Er nennt das eine Zukunftsschere. Dieser Begriff erklärt, warum sich derzeit so viele Debatten anfühlen, als gäbe es nur noch zwei Modi: apokalyptische Verengung oder künstliche Zuversicht. Horx hält dagegen mit seiner Unterscheidung zwischen einer deterministischen und einer emergenten Zukunft. Die eine schließt Möglichkeiten, die andere öffnet sie. Genau daran hängt für ihn Futures Literacy.
Nils Kumkar beschreibt in „Polarisierung“ wiederum einen anderen Ausschnitt desselben Problems. Für ihn ist Polarisierung vor allem ein kommunikatives Ordnungsmuster. Gesellschaftliche Kommunikation richtet sich an Polen aus wie Eisenspäne im Magnetfeld, so sein Vergleich. Der wichtige Punkt dabei: Die Pole müssen gar nicht dort sitzen, wo die meisten Menschen tatsächlich stehen. Es reicht, dass sich Kommunikation an ihnen ausrichtet und dadurch Komplexität reduziert. Die erlebte Spaltung kommt dann nicht einfach daher, dass alle radikaler geworden wären. Sie entsteht auch daraus, dass öffentliche Verständigung dauernd in Konfliktachsen gepresst wird, an denen man sich ausrichten soll.
Wenn ich Horx neben Kumkar lese, wirkt die Zukunftsschere viel weniger metaphorisch. Wir reden über Zukunft in Formen, die Komplexität senken müssen, weil sonst niemand mehr folgen kann. Genau dadurch verengen sich die Möglichkeitsräume, die wir angeblich öffnen wollen. Horx nennt als Sackgassen die Retrotopie und die Atropie: ideologisierte Nostalgie auf der einen Seite, leblose Zombie-Utopien auf der anderen. Kumkar würde vermutlich ergänzen, dass beide kommunikativ hoch anschlussfähig sind, weil sie klare Pole anbieten.
Hier kommt dann wieder Gáspár ins Spiel mit einem empirischen Nüchternheitscheck. Futures Literacy erscheint bei ihm gerade nicht als hübsche Methodensammlung (wie bei Horx zuweilen) und auch nicht als moralisch aufgeladene Kompetenz. Er beschreibt sie als sozial und kulturell eingebetteten Kompetenzraum aus Zukunftswissen, Fähigkeiten und Bewusstheit. Futures Literacy wird dabei nicht als lose Sammlung wünschenswerter Skills beschrieben, sondern als Kompetenzraum mit spezifischer innerer Struktur. Entscheidend ist hier nicht, wie stark ausgeprägt Futures Literacy bei jemandem ist, sondern wie dessen Nutzungsweisen von Zukunft, Fähigkeiten und Bewusstheit zueinander angeordnet sind. Jemand kann zehn Futuring-Tools kennen und trotzdem in einem geschlossenen Zukunftsbild feststecken. Oder in einem Workshop sehr offen über Alternativen sprechen und im Alltag sofort wieder in geschlossene Muster zurückfallen.
Damit trifft der Artikel einen Punkt, der in vielen Debatten über Zukunftskompetenzen m. E. unterschätzt wird: Die eigentliche Schwierigkeit liegt selten im Verstehen der Methode. Sie liegt darin, die eigene Antizipation unter Bedingungen von Unsicherheit, Komplexität und permanentem Konflikt umzubauen. Horx formuliert das philosophischer, wenn er Zukunftssinn als Fähigkeit beschreibt, aus Chaos neue Ordnung vorzustellen. Gáspár zeigt empirisch, wie mühsam genau das in realen Lernprozessen ist. Und Kumkar erklärt, warum die öffentliche Kommunikation uns dabei ständig in vereinfachte Konfliktformen zurückzieht.
Da komme ich mal wieder zu den Future Skills, die mich diese Woche mal wieder ganz neu beschäftigt haben, da ich beschlossen habe, meine Mitarbeit in der Future Skills Alliance (FSA) wieder aufzunehmen. Das aber nur am Rande. Es existieren inzwischen ja zahlreiche Frameworks zu Future Skills (eine Gruppe innerhalb der FSA vergleicht diese Frameworks übrigens miteinander und evaluiert sie; ich durfte diese Woche bei einem solchen Treffen als externe Feedbackgeberin dabei sein). Listen mit Future Skills haben jedoch die negative Eigenschaft (so wichtig sie auch sind), den Eindruck zu erzeugen, Zukunftskompetenz lasse sich in ein Trainingsprogramm mit sauber markierten Feldern übersetzen. Meine drei Lektürestücke dieser Woche zeigen etwas anderes: Zukunftskompetenz entsteht dort, wo jemand offene und geschlossene Annahmen unterscheiden kann, Angst vor der Zukunft als reale Erfahrung mitdenkt und Kommunikationsformen durchschaut, die Komplexität so weit abräumen, bis nur noch Pole übrigbleiben. Und das lässt sich nicht in Einzel-Seminaren mit fancy Zukunftstiteln lernen.
Horx schreibt von radikaler Zuversicht. In Kombination mit Kumkar und Gáspár kann man diese Aufforderung lesen als disziplinierte Weigerung, sich von Omnikrise, Magnetfeldern und Worst-Case-Komfort vollständig auf geschlossene Zukunftsbilder festlegen zu lassen. Wer heute über Zukunftskompetenzen spricht, sollte daher vorsichtiger sein. Das Thema ist größer und unbequemer, als viele Future-Skills-Kataloge suggerieren. Entscheidend ist, ob wir unter polarisierenden Bedingungen noch Formen der Verständigung und der Praxis aufbauen, in denen offene Zukünfte tragfähig werden. Denn sollte das nicht gelingen, bleiben von Future Literacy am Ende vor allem Vokabular und schicke Methoden, aber kein wirklicher Gehalt.
