101 Wege in die (geopolitische) Zukunft

Florence Gaubs „Szenario. Die Zukunft steht auf dem Spiel“ ist kein ‚normales‘ Buch, das man einfach von vorne nach hinten durchliest. Als Leserin wird man hier nämlich selbst zur Akteurin: Man befindet sich im Jahr 2030, sitzt in beratender Funktion in der zweiten Reihe der Weltpolitik und muss in dieser Rolle viele verschiedene Entscheidungen treffen. Am Ende jeder Episode gibt es nämlich immer verschiedene Alternativen, zwischen denen man wählen muss: Welche Spur verfolge ich? Mit wem spreche ich? Wohin reise ich? Welche Informationen sind für meine Einschätzung relevant? Und im Hintergrund läuft immer die Frage mit: Welche Zukunft halte ich für möglich?

Gaub hat dafür die Vorarbeit geleistet. Sie hat große Trends und Entwicklungen recherchiert und beschreibt, was zu einem bestimmten Zeitpunkt als gesichert gelten kann. Darauf baut sie Szenarien auf, die man dann, wie gesagt, nicht einfach konsumiert, sondern durchspielt. Das zentrale Werkzeug ist die Frage: Was wäre, wenn?

Je nachdem, welchen Weg man einschlägt, gelangt man in ein anderes Kapitel und damit in eine andere Entwicklung. Das Buch hat insgesamt 101 Szenarien bzw. mögliche Pfade, die auf 485 Seiten verteilt sind. Man erreicht also immer nur einen Bruchteil der möglichen Kapitel – wobei ich am Ende zugegebenermaßen auch noch einige andere Kapitel gelesen habe, in dem Fall strikt linear. Und manchmal bin ich auch zurückgesprungen, weil ich wissen wollte, was passiert wäre, wenn ich an einer bestimmten Stelle anders entschieden hätte. Wer dieses Buch liest, muss also nicht nur über die Zukunft nachdenken, sondern muss Entscheidungen unter Unsicherheit treffen. Die 101 Szenarien liefern dabei 101 Möglichkeiten, die eigene Wahrnehmung zu schärfen, und jedes enthält eigene Learnings.

Gaub beschreibt Szenarien anfangs als ein Werkzeug, mit dem wir die scheinbare Unendlichkeit möglicher Zukünfte reduzieren können. Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, die Zukunft vorherzusagen. Szenarien sollen vielmehr große Linien und Zusammenhänge sichtbar machen und uns erlauben, unterschiedliche Entwicklungen gedanklich durchzuspielen.

Dadurch entsteht etwas, das Gaub als „Erinnerung an die Zukunft“ bezeichnet: Wenn eine Entwicklung tatsächlich eintritt, ist sie nicht mehr vollkommen unbekannt. Man hat sie bereits einmal durchgespielt und kann deshalb möglicherweise schneller reagieren.

Die 101 verschiedenen Szenarien verbinden dabei sehr unterschiedliche Faktoren: Geopolitik, Klimawandel, Ressourcen, Technologie, militärische Fähigkeiten, Weltraum, Arktis und hybride Kriegsführung. Gerade die Arktis wird zu einem wichtigen geopolitischen Raum. In einem Szenario geht es beispielsweise um eine Zukunft, in der die Arktis über weite Teile des Jahres eisfrei ist, neue Seewege Asien und Europa wesentlich schneller verbinden und Ressourcen unter dem Meeresboden neue Konflikte auslösen. Daraus entstehen unterschiedliche Entwicklungspfade: kalter Frieden, Wettrüsten oder Krieg. Entscheidend ist dabei, welche Faktoren ich heute erkennen und welche Entscheidungen ich heute treffen muss, wenn ich verhindern will, dass aus einer Möglichkeit Realität wird.

Besonders gelungen finde ich, dass das Buch die Leserin immer wieder in eine politisch beratende Rolle versetzt. Im Szenario sitze ich nicht an der Spitze eines Staates und treffe selbst die großen Entscheidungen. Ich befinde mich eher in der zweiten Reihe der Weltpolitik: Ich recherchiere, spreche mit Expert*innen, besuche Institutionen, stelle Fragen und gebe Empfehlungen. Es geht darum, Zusammenhänge zu erkennen, bevor sie offizielle Bezeichnungen bekommen, Allgemeinplätze und vermeintliche Gewissheiten zu hinterfragen, Fragen zu stellen, die andere vielleicht noch nicht stellen. Die eigentliche Herausforderung besteht dann darin, Zukunft so zu rahmen, dass andere sich dort zurechtfinden und rechtzeitig Entscheidungen treffen können. Und das ist für mich auch der Punkt, an dem das Buch über klassische Zukunftsforschung hinaus interessant wird. Szenarien sind hier nämlich nicht bloß Denkübungen, sondern sollen wirklich Handlungsfähigkeit erzeugen.

Ein großer Teil des Buches beschäftigt sich mit der Frage, wie sich Konflikte verändern. Besonders eindrücklich fand ich die Passagen zur sogenannten Grauzonen-Kriegsführung: zur Kombination diplomatischer, informationeller, militärischer und wirtschaftlicher Instrumente unterhalb der Schwelle eines offenen bewaffneten Konflikts. Im Szenario wird diese Form der Auseinandersetzung am Beispiel Norwegens durchgespielt. Einzelne russische Handlungen bleiben jeweils legal, plausibel abstreitbar oder zumindest schwer eindeutig zuzuordnen. In ihrer Summe entsteht jedoch ein Muster. Norwegen und die NATO reagieren immer wieder, verbrauchen Ressourcen und geraten zunehmend in eine Situation strategischer und politischer Ermüdung: Piloten fliegen Überstunden, Schiffe müssen häufiger gewartet werden, Treibstoff wird verbraucht. Harte Reaktionen erscheinen unverhältnismäßig, weiche Reaktionen werden ignoriert. Das Problem ist gerade, dass kein einzelner Vorfall groß genug ist, um einen eindeutigen Wendepunkt zu markieren. Die Bedrohung besteht damit nicht in einer unmittelbar bevorstehenden Invasion, sondern in systematischer Zermürbung.

Das führt zu einer der zentralen Fragen des Buches: Wie reagieren Demokratien auf eine Form der Kriegsführung, die unterhalb der klassischen Kategorien von Krieg und Frieden stattfindet? Die Antwort des Buches ist erst einmal ernüchternd. Demokratien sind langsamer, weil sie Konsens benötigen. Sie sind rechtlich gebunden. Sie besitzen zwar ein institutionelles Gedächtnis, ihr politisches Gedächtnis ist aufgrund der in regelmäßigen Abständen stattfindenden Wahlen aber nur begrenzt. Eine neue Regierung fängt oft wieder von vorne an. Und die Bürger*innen in Demokratien tun sich schwer damit, einen „Krieg“ zu erkennen, wenn keine Soldaten auf dem Schlachtfeld stehen.

Gerade weil die Szenarien so eindrücklich sind, ist es aber auch wichtig, ihre Grenzen im Blick zu behalten. Die Dramaturgie des Buches ist stark auf sicherheitspolitische Bedrohungsszenarien ausgerichtet. Russland, China, Arktis, Weltraum, militärische Fähigkeiten und hybride Kriegsführung bilden immer wieder die zentralen Bezugspunkte. Das macht die Szenarien spannend und politisch relevant, kann aber auch dazu führen, dass bestimmte Zukunftsmöglichkeiten stärker ins Blickfeld geraten als andere. Die Stärke des Szenarios ist nämlich eben zugleich seine Schwäche: Wer eine Zukunft in bestimmten Kategorien rahmt, macht manche Zusammenhänge sichtbar – und andere möglicherweise weniger sichtbar.

Auch die Idee, dass Szenarien am Ende zu Selbstwirksamkeit und Optimismus führen, würde ich etwas vorsichtiger formulieren. Szenarien können Handlungsfähigkeit stärken, weil sie mögliche Entwicklungen vorwegnehmen. Sie garantieren aber keinen Optimismus. Im Gegenteil: Wer sich ernsthaft mit möglichen Zukunftsentwicklungen auseinandersetzt, kann zunächst auch mit mehr Unsicherheit und Ambivalenz herausgehen. Letztlich geht es aber ja genau darum, Sicherheit im Umgang mit Unsicherheit zu gewinnen.

An dieser Stelle, hoffentlich ohne zu spoilern, noch mein ‚Pfad ins Verderben‘ aka zum vorzeitigen Ende des Buchs auf Seite 220: Ich habe die Idee für eine große Studie zur Grauzonen-Kriegsführung entwickelt und versucht, politische Entscheidungsträger*innen für die Problematik zu sensibilisieren. Später entsteht daraus die Idee eines offenen Briefes an die Bundesregierung mit fünf Forderungen: strategische Autonomie, die Anerkennung militärischer Realitäten, technologische Souveränität, die ernsthafte Auseinandersetzung mit hybriden Bedrohungen und mehr politische Führungsverantwortung. Doch der Versuch scheitert politisch. Die Wahrnehmung des Problems war zwar richtig, aber die gewählte Methode zerstört einen Teil der Botschaft – der Brief und die Gruppe wird als ‚viel zu akademisch‘ wahrgenommen. Das Buch zeigte mir somit, dass selbst eine richtige Analyse nicht automatisch zu einer guten politischen Entscheidung führt. Man kann also recht haben und trotzdem falsch handeln – definitiv eine wichtige Lektion des Buches.

Am Ende führt nur einer der möglichen Wege zu einem Best-Case-Szenario. Dort sind drei Elemente strategischer Stabilität zusammengekommen: militärische Kapazität, eine akkurate Bedrohungswahrnehmung und ein Verständnis der Gegenseite. Dazu kommt eine Vision davon, wie aus einer Krise ein Neuanfang entstehen kann.Die Lösung besteht hier nicht allein in militärischer Stärke. Sie besteht ebenso darin, die Gegenseite zu verstehen – ausdrücklich nicht im Sinne von Empathie, sondern im Sinne von Regionalexpertise und belastbaren Kontakten.

Am Ende steht eine Friedenskonferenz in Brüssel. Nach Jahren von Warnungen, Aufrüstung und Krisen ist der Westen stark und selbstbewusst genug, nicht nur zu reagieren, sondern zu führen. Ob man dieses Ende für plausibel hält, ist eine andere Frage. Aber als Schluss eines interaktiven Szenariobuchs funktioniert es sehr gut, weil es einen hoffnungsvollen Ausblick bietet.

Zu diesem Buch passt übrigens gut ein Gastkommentar von Nadine Schön und Robert Peters im Handelsblatt vom 5. August 2026. Die beiden beschreiben ein Problem, das man derzeit in vielen Debatten beobachten kann: Wir haben unzählige Problembeschreibungen, aber zu wenige positive Zielbilder. Zukunft erscheint dadurch schnell als Kette sich überlagernder Krisen und genau das untergräbt Selbstwirksamkeit. Zukunftskompetenz heißt für Schön und Peters deshalb, mögliche Entwicklungen systematisch zu durchdenken, Chancen früh zu erkennen und gemeinsame Zukunftsbilder zu entwerfen.

Sie machen dafür drei Punkte stark. Erstens soll strategische Vorausschau vom gelegentlichen Spezialinstrument zum festen Bestandteil politischen Handelns werden. Zweitens braucht es vorausschauende Regulierung, die neue technologische und gesellschaftliche Entwicklungen früh aufnimmt und mit Instrumenten wie Reallaboren, Sandboxes, Experimentierklauseln oder adaptiven Regeln begleitet. Drittens braucht Europa Orte, an denen gemeinsame Zukunftsbilder überhaupt entwickelt und ausgehandelt werden können.

Florence Gaubs Buch Szenarien spricht nicht nur über Zukunftskompetenz, es hilft den Lesenden, diese einzuüben. Beim Lesen muss man Unsicherheit aushalten, Informationen gewichten, unter Zeitdruck Entscheidungen treffen und mit den Folgen verschiedener Entwicklungspfade leben. Das Buch trainiert damit einen Denkmodus, den Politik, Institutionen und Öffentlichkeit gerade dringend brauchen.

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