Bücher, Bücher, Bücher

Aktuell posten viele Menschen ihre Bücherstapel bzw. Leselisten für den Sommer bei LinkedIn. Da möchte ich mich auch anschließen und hier von zumindest zwei Büchern desselben Autors berichten, die ich in letzter Zeit gelesen habe und von denen ich das eine sehr gut und das andere recht enttäuschend fand.

Es geht um Rutger Bregman und seine beiden Bücher Im Grunde gut (2019) und Die Rückkehr der Hoffnung (2026). Beide Bücher kreisen um ähnliche Grundfragen: Welches Menschenbild tragen wir mit uns herum, warum hat der Zynismus so viel Macht, und was wäre eine Alternative dazu? Trotzdem haben die beiden Bücher bei mir einen recht unterschiedlichen Eindruck hinterlassen. Das erste fand ich sehr gut und in diesen eher düsteren Zeiten sogar auf eine eigentümliche Weise entlastend. Das zweite hat mich deutlich weniger überzeugt.

Im Grunde gut entfaltet eine These, die so schlicht klingt, dass man sie fast reflexhaft für naiv halten könnte: Die meisten Menschen sind im Grunde gut. Bregman behauptet diese These aber nicht einfach, sondern verteidigt sie gegen einen sehr hartnäckigen Grundverdacht; gegen die Vorstellung also, der Mensch sei von Natur aus vor allem egoistisch, aggressiv und im Ernstfall schnell beim Kampf aller gegen alle.

Was mir an diesem Buch so gut gefallen hat, ist nicht nur sein Optimismus, sondern die Art, wie dieser Optimismus begründet wird. Bregman arbeitet sich an Klassikern des Misstrauens ab, an Hobbes, an bestimmten Lesarten der Evolution, an Experimenten und Geschichten, die seit Jahrzehnten als Belege für die dunkle Seite des Menschen zirkulieren (Gefängniswärter-Experiment, Stromschläge-Experiment etc.). Es zeigt, wie viel von dem, was wir für gesicherte Erkenntnis über Bosheit, Gehorsam und Konkurrenz halten, bei näherem Hinsehen brüchig wird. Das gilt für bekannte sozialpsychologische Experimente ebenso wie für populäre kulturelle Erzählungen über das angeblich rasch entgleisende Wesen des Menschen.

Besonders hängen geblieben ist mir die Gegenbewegung, die Bregman anhand zahlreicher Beispiele stark macht: In Krisen kommt oft nicht das Schlechteste, sondern das Beste im Menschen zum Vorschein. Kooperation, Fürsorge, Improvisation, gegenseitige Hilfe. Dass diese Einsicht sozialwissenschaftlich gut belegt ist und gleichzeitig im öffentlichen Bild vom Menschen kaum vorkommt, ist für mich einer der wichtigsten Punkte des Buchs. Man merkt daran auch, wie sehr unser Menschenbild politisch und kulturell aufgeladen ist. Wenn wir davon ausgehen, dass andere im Kern rücksichtslos sind, behandeln wir sie auch so und bauen Institutionen, Medienlogiken und Alltagsroutinen, die genau diese Seite verstärken.

Das Buch ist deshalb für mich ein Plädoyer für mehr Menschenfreundlichkeit. Es argumentiert, dass Zynismus keine besondere Form von Realismus ist, sondern selbst eine Verzerrung. Hier wird sehr systematisch dagegengehalten wird, dass Kälte automatisch klüger sein soll als Vertrauen. Gerade in Zeiten wie unserer, in denen so viele politische und gesellschaftliche Debatten auf Abschottung, Angst und Verrohung hinauslaufen, war das eine sehr wohltuende Lektüre.

Ganz anders ging es mir mit Die Rückkehr der Hoffnung. (Anmerkung: Dieses Buch erscheint erst im August. Ich habe vom Verlag ein Rezensionsexemplar bekommen). Das Buch ist die Verschriftlichung von Bregmans vier BBC Reith Lectures und das merkt man ihm aus meiner Sicht auch deutlich an. Als eigenständiges Buch ist es sehr kurz, sehr verdichtet und an vielen Stellen zu verkürzt, zu utopisch und zu unkonkret. Wenn man bereits ein anderes Buch von Bregman gelesen hat, in meinem Fall eben Im Grunde gut, dann lässt sich dieser Text noch am ehesten als Zuspitzung und Kurzfassung seiner generellen Thesen lesen. Aber als eigenes Buch finde ich es nicht gelungen.

Bregman legt die Vortragsreihe ausdrücklich als Bewegung von Notlage über Rettung zu Dankbarkeit an (der klassische Dreischritt einer Predigt, wie er, Sohn eines Pastors, sagt). Der erste Vortrag zeichnet ein ausgesprochen düsteres Bild der Gegenwart: Der Aufstieg der Skrupellosen, die moralische Verkommenheit politischer Führung, rechts schamlose Korruption, links lähmende Feigheit, dazu in Europa nicht nur Immoralität, sondern auch Bedeutungslosigkeit. Das ist ein harter Einstieg. Teilweise fand ich die Diagnose durchaus scharf und treffend, etwa dort, wo Bregman Europa vorhält, lieber die Gegenwart zu regulieren, als Zukunft zu gestalten. Aber insgesamt war mir dieser Auftakt fast übermäßig auf Zuspitzung gebaut und damit sehr das Gegenteil von Im Grunde gut, das ich zuvor gelesen hatte.

Im zweiten Vortrag wird es historisch, mit dem Blick auf den britischen Abolitionismus. Das ist ein klassisch bregmanscher Zug: kleine Gruppen, große moralische Ambition, historisch unwahrscheinliche Verschiebungen, die am Ende doch gelingen. Leider bleibt auch hier vieles eher auf der Ebene des motivierenden Beispiels als auf der Ebene einer wirklich ausgearbeiteten politischen Strategie. Seine Forderung nach einer neuen Elite, also nach Menschen, die ihre privilegierte Stellung und das, was sie zu verlieren haben, in den Dienst echter Veränderung stellen, ist als Gedanke klar. Aber auch hier bleibt für mich offen, wie daraus mehr wird als ein eindringlicher Appell.

Am deutlichsten zeigt sich das Problem dann im dritten Vortrag. Dort kündigt Bregman an, nun konkreter zu werden: Wie könnte heute eine „Verschwörung der Anständigen“ aussehen, was käme nach dem Neoliberalismus, wie sähe ein radikales Programm für unsere Zeit aus? Genau an dieser Stelle hätte das Buch aus meiner Sicht liefern müssen. Stattdessen bleibt es bei Andeutungen, bei Beharrlichkeit, bei der bekannten Lektion, dass kleine engagierte Gruppen mit langem Atem viel verändern können. Das ist nicht falsch, nur eben noch kein Programm.

Der vierte Vortrag verstärkt meinen Vorbehalt gegen das Buch dann nochmals. Dort schlägt Bregman einen größeren Bogen, erzählt von seiner frühen Begegnung mit Bertrand Russell und bindet die Vortragsreihe an eine Suche nach Sinn zurück. Auch das ist als Motiv nachvollziehbar. Doch wenn dann auf den letzten Seiten plötzlich noch die großen Grundfragen verhandelt werden sollen, die sonst ganze Religionen beantworten wollen, wirkt das auf mich eher überladen als erhellend. Das Buch will für mich an dieser Stelle schlicht zu viel.

Dabei gibt es Passagen, die ich durchaus gelungen finde. Vor allem den Schlussgedanken, dass wir auf andere mit mehr Ursachenverständnis und weniger Schuldzuweisung blicken sollten, auf uns selbst hingegen mit einem schärferen Bewusstsein für die eigene Handlungsfreiheit. Das ist ein guter Appell, aber auch wieder recht pathetisch. Und genau das ist mein Kernproblem mit diesem Buch: Es verwechselt mir zu oft moralische und pathetisch aufgebaute Dringlichkeit mit einer tieferen Auseinandersetzung und Programmatik.

Im Grunde gut erarbeitet Hoffnung, indem es diese sehr kleinschrittig argumentativ aufbaut. Die Rückkehr der Hoffnung ruft Hoffnung nur aus, aber größtenteils ohne wirkliches Fundament. Im ersten Buch trägt die Recherche das Argument. Im zweiten trägt der Appell oft mehr als die Substanz. Wenn man Bregman bereits kennt, kann man diesen schmalen Band als verdichtete Wiederbegegnung mit seinen Leitmotiven lesen: gegen Zynismus, für moralische Ambition, für eine andere Vorstellung von politischer und persönlicher Verantwortung. Wenn man ihn als eigenständiges Buch liest, bleibt aus meiner Sicht zu wenig übrig.

Im Grunde gut hat mir nicht nur wegen seiner Grundthese gefallen, sondern weil es diese These wirklich unterfüttert. Die Rückkehr der Hoffnung teilt viele der richtigen Gegner und viele der richtigen Sehnsüchte. Aber es bleibt zu knapp, zu allgemein und dort, wo es konkret werden müsste, zu ausweichend. Hoffnung allein reicht mir nicht. Ich möchte, dass sie argumentativ etwas aushält. Und wenn man danach sucht, wird man nur bei Im Grunde gut fündig.

Was lese ich aktuell sonst noch so bzw. habe ich gelesen? Zwei eher seichte Bücher, die aber gut für heiße Tage ohne viel Konzentrationsfähigkeit sind: „Für Polina“ (Takis Würger) und „Die Mitternachtsbibliothek“ (Matt Haig). Drei Klassiker, die ich bislang nicht kannte: „Reise ans Ende der Nacht“ (Louis-Ferdinand Céline), „Gelächter im Dunkeln“ (Vladimir Nabokov) und „Hebt den Dachbalken hoch, Zimmerleute“ (Jerome D. Salinger). „Wenn das Denken die Richtung ändert“ (Ulli Kulke; Reinhard Mohr (Hrsg.)); da habe ich allerdings nach fünf Beiträgen oder so aufgehört, zu lesen, weil die Argumente und Erzählungen immer die gleichen waren und mich teilweise sehr abgestoßen haben. „Das Gespenst des Kapitals“ (Joseph Vogl) habe ich begonnen, aber bei Vogl gleicht das Lesen eines Buches immer einem regelrechten Kampf mit seiner enorm komplexen Sprache. Und schließlich, ebenfalls aktuell auf dem Nachttischchen, „Am Himmel die Flüsse (Elif Shafak)“, das einen ziemlichen Sog entfaltet, und „Hilma af Klint“ (Janis Mink) – mal wieder ein Buch über meine Lieblingsmalerin. In diesem Sinne: Allen einen frohen (Lese-)Sommer!

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