Wäre dieser Text KI generiert, so hieße seine Überschrift vermutlich, leicht populistisch angehaucht, „Warum Hartmut Rosa mir meinen Thermomix verbieten will – und was ich dem entgegensetze“. Damit sind wir auch direkt an dem Punkt angekommen, der mich von dem Buch, das ich hier besprechen möchte, am persönlichsten getroffen hat: beim Thermomix. Zur Einordnung daher kurz zwei Sätze: Die Anschaffung eines Thermomixes vollzog sich bei uns wie vermutlich in den meisten Beziehungen: die eine Partei war strikt dagegen (ich), die andere stark dafür (meine Frau). Die Realität inzwischen: Während ich eigentlich nur noch mit dem Thermomix koche und backe (vornehmlich Brot), kocht meine Frau nach wie vor nicht (der Thermomix schuf hier keine Abhilfe).
Nun aber genug der Vorrede und damit zum Eigentlichen, worum es hier geht: Diese Woche habe ich das Buch „Situation und Konstellation“ von Hartmut Rosa gelesen, das bei mir einige Reibungen, aber vor allem viel Zustimmung ausgelöst hat. In dem Buch geht es um die Unterscheidung zwischen Situation und Konstellation. Situationen sind für Rosa offene, dichte, nie ganz abschließbare Zusammenhänge. In ihnen handeln Menschen auf der Grundlage von Erfahrung, Urteilskraft, Augenmaß und Fingerspitzengefühl. Konstellationen dagegen zerlegen Wirklichkeit in identifizierbare Einzelteile, oft binär codiert, ordnen diese in klare Beziehungen und machen sie dadurch messbar, bearbeitbar und entscheidbar.
Genau darin sieht Rosa die Grundbewegung der Spätmoderne. Immer mehr Bereiche des Lebens werden so organisiert, dass wir nicht mehr als Handelnde im Zentrum stehen, sondern lediglich als Vollziehende. Formulare, Bewertungsraster, standardisierte Verfahren, technische Assistenzsysteme und Algorithmen nehmen uns Ermessensspielräume zunehmend ab. Die Versprechen dahinter: mehr Transparenz, mehr Nachvollziehbarkeit, mehr Gleichbehandlung, mehr Fehlersicherheit, mehr Effizienz, weniger Korruption. Das Problem beginnt für Rosa nun dort, wo die Reduktion komplexer Situationen auf bearbeitbare Konstellationen nicht bloß Werkzeug bleibt, sondern zum vorherrschenden Modus unseres Tätigseins wird.
Rosa entfaltet das an vielen Beispielen. Bei der Bewertung von Hausarbeiten etwa wird aus einer komplexen Leistung ein Katalog aus Kriterien, die man einzeln bepunkten kann. Rosa spricht davon, dass er in seinem eigenen universitären Beurteilungshandeln immer wieder Diskrepanzen zwischen ‚berechneter‘ und ‚auf Erfahrungswissen beruhender‘ Notenvergabe feststellt: Am Ende spuckt einem die Exceltabelle beispielsweise die Note 2,7 aus, obwohl man selbst die Arbeit eher als 1,3 beurteilen würde. Übrigens konnte ich hier sehr gut in Resonanz gehen, da ich genau diese Erfahrung aus meiner Zeit als Lehrkraft in der germanistischen Linguistik kenne: Meine sorgfältig erstellte Exceltabelle kam nach Eingabe der von mir vergebenen Punkte pro Kriterium bisweilen zu einer Note, die ich so nicht vergeben hätte. Da stellte sich mir dann immer die Frage, was ich nun mache.
Aber weiter mit Rosa: Bürokratie nimmt gegenüber der eigentlichen Sacharbeit immer größere Ausmaße an. Ein Beispiel: Öffentliche Vergaben werden so regelgebunden, dass zwar Korruption erschwert, situatives Augenmaß aber systematisch zurückgedrängt wird. Selbst im Spiel und in der Kindheit sieht er diese Verschiebung: weniger offenes, erfahrungsbasiertes Handeln, mehr abgesicherte, vorstrukturierte Vollzüge. Hinter all dem steht seine Sorge, dass kognitive, praktische, moralische und auch politische Urteilskraft verkümmert, wenn sie im Alltag immer seltener gebraucht wird.
Interessant ist für mich nun, wie anschlussfähig diese Diagnose an die Debatten über generative KI ist (obwohl das Buch argumentativ viel, viel breiter angelegt ist und genKI nur am Rande, als ein Beispiel von vielen, thematisiert wird). Rosa interessiert hier, was mit unserem Weltverhältnis passiert, wenn agentielles Vollziehen zur Normalform wird. Besonders deutlich wird das dort, wo er über Prompting und sprachliche Vermittlung aka KI-Übersetzung nachdenkt. Der Gewinn an Reichweite und Kommunikationsfähigkeit ist offenkundig, wenn ich mittels meines iPhones mit KI-Sprachsystem, plötzlich gefühlt alle Sprachen der Welt ‚sprechen‘ kann. Für Rosa – und da bin ich komplett seiner Meinung – geht dadurch aber jenes „semantische und syntaktische Gewebe aus Atmosphären, Assoziationen, Imaginationen und Konnotationen“ verloren, das sich nur durch wirkliche Auseinandersetzung, Aneignung und Erfahrung aufbaut (Seite 45). Rosas These: „In mancherlei Hinsicht scheint es, als drohe der Mensch im Zuge der Digitalisierung heute zum Anhängsel der Algorithmen zu werden“ (Seite 81). Da bin ich dann kein souveränes Individuum mehr, sondern werde zur Handlangerin der Maschinen. Auf KI-Textgenerierung übertragen heißt das: Der Output wächst exponentiell, aber der Weg zum Output wird erschreckend kurz und genau dadurch verliere ich als Mensch meine Handlungsfähigkeit. In diesem Zuge kann Erschöpfung entstehen, wie ich das vor ein paar Wochen in diesem Blogpost geschrieben habe.
Damit kommen wir zur emotionalen Seite des Wandels von der Situation zur Konstellation. Wer handelt, so Rosa, erfährt sich als wirksam. Wer nur vollzieht, arbeitet Listen, Regeln und Vorgaben ab. Das erzeugt nach Rosa zwar funktionale Entlastung, aber dadurch eben auch Erschöpfung. Ein Tag voller Anträge, Abstimmungen, organisatorischer Mikroaufgaben und digitaler Reaktionsschleifen kann völlig auslaugen, obwohl man objektiv sowie gefühlt ununterbrochen beschäftigt war.
Vor dem Hintergrund der Debatte um die Effekte von genKI auf die Wahrnehmung von Arbeit kommt Rosas Buch genau zum richtigen Zeitpunkt. Es zwingt dazu, unser Verhältnis zu generativer KI noch einmal anders zu überdenken. Dann geht es nicht mehr nur um die Frage, ob KI schnell genug ist, gut genug formuliert oder nützlich genug im Alltag erscheint. Es geht darum, was wir abgeben, wenn wir KI alles erzeugen lassen: Reibung, Aneignung, Erinnerung, eigene Ausdruckskraft und das langsame Schärfen von Urteilskraft. Wer Hausarbeiten, Anträge, Konzepte oder irgendwann auch die eigene Lektüre vollständig auslagert, spart Zeit, gibt aber genau jene Prozesse ab, in denen überhaupt erst ein Verhältnis zur Sache entsteht. Wenn ich als im Prä-genKI-Zeitalter (wissenschaftlich/intellektuell) sozialisierte Person mich hier dem Vollzugshandeln hingebe, mag das nicht so dramatisch sein, da meine Urteilskraft schon ausgeprägt ist (wenngleich inzwischen ja Studien zeigen, wie der häufige genKI-Einsatz das Denken verkümmern lassen kann). Wenn aber Schüler:innen, Azubis oder Studierende genKI für alle Lebensbereiche einsetzen, kann sich das von Rosa so oft angesprochene „Fingerspitzengefühl“ gar nicht erst ausbilden. (Das sind wahrlich keine neuen Gedanken, ich weiß. Ich finde es aber spannend, wie dieses Phänomen hier von Rosa nicht isoliert betrachtet und genKI inkriminierend zugeschoben wird, sondern wie er es in einem viel größeren Kontext einordnet und ähnliche Entwicklungen in völlig technikfernen Bereichen beschreibt.) Und gleichzeitig stellt sich aber auch die Frage: Ist KI tatsächlich primär ein Instrument der Realitätsreduktion oder kann sie nicht auch neue Formen situativen Handelns eröffnen? Diese Frage stellt das Buch nicht systematisch; vielleicht ja, weil sie seine Grundthese verkomplizieren würde.
Ja, Rosa sieht durchaus auch die andere Seite. Wo menschliches Ermessen zugelassen wird, drohen nämlich auch Willkür, Korruption, Diskriminierung und Intransparenz. Rechtssicherheit und standardisierte Verfahren sind zivilisatorische Errungenschaften, keine bloße Fehlentwicklung. Rosa konzediert also zwar, dass es durchaus auch Vorteile von Konstellativem und damit von Vollzugshandeln gibt, doch haben seine Ausführungen eine deutliche Schlagseite zuungunsten des Vollzugshandelns. So könnte man auch einwenden, dass er selbst zu einer gewissen Vereinfachung neigt: Die Gegenüberstellung von „lebendigem Handeln“ und „leerem Vollziehen“ ist überzeugend als heuristische Figur, aber sie unterschlägt, dass auch regelgebundene, standardisierte Praktiken Handlungsspielräume enthalten können – und umgekehrt situatives Handeln keineswegs automatisch emanzipatorisch ist. Rosa streift das immer wieder, ja, etwa wenn er auf Korruptionsrisiken oder Willkür hinweist, aber meines Erachtens es bleibt eher eine Randbemerkung als ein durchgearbeitetes Gegenargument.
Kommen wir nun zu Rosas Ausführungen zur Gegenwartspolitik. Er argumentiert, dass wir gleichzeitig eine Zunahme von Kontingenzräumen erleben, also von Möglichkeiten und Optionen, die als unübersichtlich und potenziell bedrohlich wahrgenommen werden, und eine Abnahme echter Handlungsspielräume. Diese Kombination erzeugt ein Gefühl von Kontrollverlust, das politisch für populistische Bewegungen anschlussfähig ist. Angesichts unkontrollierbarer Kontingenzräume ist es dann „just der konstellative Zugriff, der uns Einwirkungsmöglichkeiten eröffnet“ und damit auch (vermeintliche) Sicherheit schenkt. An dieser Stelle muss ich natürlich sofort an meinen ‚Lieblings-Future Skill‘, die Ambiguitätskompetenz, denken, deren Ausbildung für mich in unserer aktuellen Welt zentral ist, um eben nicht dem konstellativen Zugriff eines Schwarz-Weiß-Rasters zu verfallen.
Und damit zurück zum Thermomix. Der Thermomix ist für Rosa ein Paradebeispiel dafür, dass Erfahrung und Urteilskraft beim Kochen zurückgedrängt werden. Das Gerät sagt, was wann zu tun ist. Es minimiert Fehlerquellen, es nimmt einem situative Entscheidungen ab. Das stimmt natürlich. Wer nur noch ausführt, übt weniger; wer nicht improvisieren muss, bildet auch weniger Fingerspitzengefühl aus. Doch die Pointe überzeugt mich hier nicht. Der Thermomix hat mich persönlich nicht vom Kochen entfremdet. Er hat dafür gesorgt, dass ich im Alltag überhaupt häufiger koche (wenn man hier von ‚Kochen‘ sprechen darf; für mich ist es aber auch völlig okay, dies lediglich als ‚Zubereitung von Mahlzeiten‘ zu deklarieren). Rosa räumt auch dies ein: Wenn jemand den Thermomix benutzt, anstatt sich vom Fast-Food-Restaurant an der Ecke eine Mahlzeit zu holen, dann ist der Charakter des Tätigseins „hier eben nicht konstellativ, sondern nur situativ erschöpfend zu erfassen“ (Seite 135). Die Vorstrukturierung bzw. der Vollzug ist nicht also nicht automatisch eine Verarmung. Manchmal ist sie auch die Bedingung dafür, dass eine Praxis unter realen Lebensbedingungen überhaupt stattfindet. Und wenn ich mir beim Kochen helfen lasse/es nur vollziehe, verliere ich nicht automatisch meine Lebendigkeit.
Am Ende läuft Rosas Argumentation auf eine normative Pointe hinaus: Wenn wir ein lebendiges Verhältnis zur Welt erhalten wollen, müssen wir uns Räume des Handelns zurückerobern. Das beginnt im Kleinen – beim Kochen ohne Thermomix, zu dem Rosa aktiv auffordert –, und reicht bis zu institutionellen Fragen von Vertrauen, Verantwortung und Gestaltungsspielräumen. Ob das überzeugt, hängt stark davon ab, wie man selbst die Balance zwischen Sicherheit und Offenheit bewertet. Aus einer Perspektive, die stark auf Verlässlichkeit, Skalierbarkeit und Effizienz schaut wirkt Rosas Plädoyer stellenweise fast ‚romantisch‘ bzw. idealistisch. Denn Standardisierung ist dort oft erst die Voraussetzung für Koordination und Fairness.
Der Thermomix ist am Ende also einfach ein Symptom und nicht das Problem selbst. Die eigentliche Frage ist, wie viel Vollzugshandeln wir wollen und wo wir dieses nicht doch bewusst begrenzen sollten, um nicht das zu verlieren, was Rosa unter Handeln versteht: die Fähigkeit, in offenen Situationen mit Urteilskraft, Erfahrung und Verantwortung zu agieren. Und damit ist sein Buch, jedenfalls meiner Meinung nach, auch sehr anschlussfähig an das Konzept der Future Skills, dessen Intention es genau ist, Menschen in komplexen Situationen handlungsfähig zu halten.
