Diese Woche stand mal wieder sehr das Thema „Gesamtverteidigung“ im Vordergrund meiner Arbeit. Am Donnerstag war ich in Berlin zu einem Gespräch mit Generaloberstabsarzt Dr. Ralf Hoffmann, das in unserem Berliner Büro stattfand. Inhaltlich haben wir uns über notwendige Maßnahmen zur Stärkung der Resilienz und über die Ziele des OPLAN ausgetauscht. Der Drei-Sterne-General ist Befehlshaber des Zentralen Sanitätsdiensts der Bundeswehr und damit einer Organisation mit aktuell rund 25.000 Menschen, perspektivisch sollen es 29.000 werden. Dass 12 % der freiwillig Wehrdienstleistenden bei ihm ausgebildet werden, fand ich überraschend (ich hätte weniger getippt).
Unter anderem ging es um das Zusammenspiel zwischen Bundeswehr und zivilem Gesundheitssystem im Krisenfall, das nur gemeinsam funktioniert. Gleichzeitig ist genau diese Zusammenarbeit alles andere als trivial, nicht zuletzt wegen der föderalen Zuständigkeiten. Zwischen Bundeswehr und Krankenhäusern stehen die Länder, und damit wird aus einer eigentlich naheliegenden Kooperation schnell eine komplexe Abstimmungsfrage.
Sehr relevant für uns als chemische Industrie (ein Kollege des VCI war auch beim Gespräch dabei) wurde es beim Thema Lieferketten. Ein Großteil der Ausgangsstoffe für Pharmazeutika kommt aktuell aus Südostasien. Und selbst scheinbar einfache Produkte wie FFP2-Masken bestehen aus zahlreichen Komponenten, die man erst mal ‚zusammenkriegen‘ muss. Die Pandemie hat gezeigt, wie anfällig dieses System ist. Entsprechend wird aktuell bei der Bundeswehr auch wieder in eigene Produktionskapazitäten investiert, etwa bei Nischenprodukten oder speziellen medizinischen Gütern. Das geschieht nicht aus Rentabilitätsgründen, sondern aus Gründen der Versorgungssicherheit.
Ein Satz des Generals ist mir besonders hängen geblieben: „Wir waren im Dornröschenschlaf.“ Damit meinte er die fehlende Vorbereitung auf genau solche Szenarien wie die Corona-Pandemie – oder jetzt eben auf die sicherheitspolitische Lage mit hybriden Bedrohungen. Der Eindruck aus dem Gespräch war insgesamt dann auch, dass sich hier gerade einiges bewegt, durch mehr Austausch mit Unternehmen, Verbänden und anderen Akteur*innen. Der Dornröschenschlaf ist, so meine Schlussfolgerung, zwar beendet, aber noch dauert es, bis das ‚ganze Königreich‘ auch wirklich wieder erwacht ist.
Zwei Tage zuvor war ich thematisch schon in einem ähnlichen Setting unterwegs. Beim Steuerkreis Bildung von HessenChemie ging es u. a. um die Frage „Wehrdienst und berufliche Ausbildung – Konkurrenz oder Win-win?“. Dazu waren zwei Vertreterinnen des Berufsförderungsdienstes der Bundeswehr (BFD) da. Was mir dabei mal wieder bewusst wurde, ist, wie wenig man eigentlich darüber weiß, was die Bundeswehr im Bereich Ausbildung macht. Mehr als 1000 Berufe, zivilberufliche Aus- und Weiterbildung, Kammerabschlüsse, individuelle Förderpläne, Praktika, duale Studiengänge. Das ist deutlich breiter, als ich es erwartet hätte und als es eine breite Öffentlichkeit vermutlich auf dem Schirm hat.
Der Auftrag des BFD ist klar geregelt: Förderung der zivilberuflichen Karriere von Soldat*innen auf Zeit und deren Eingliederung in den Arbeitsmarkt. Das passiert strukturiert, mit Beratung, Förderplan und konkreten Qualifizierungsmaßnahmen. Die Vermittlungsquote lag zuletzt bei 93 Prozent. Interessant fand ich auch die Anschlussstellen zur Wirtschaft. Es gibt bereits Plattformen für Matching zwischen Unternehmen und ehemaligen Soldat*innen, außerdem Möglichkeiten für Betriebe, selbst Ausbildungsangebote einzubringen. Die Frage „Konkurrenz oder Win-win“ lässt sich damit zumindest nicht eindeutig beantworten. Es gibt offensichtlich mehr Überschneidungen und Kooperationspotenziale, als man zunächst vermuten würde.
Schließlich möchte ich noch einen dritten Impuls von dieser Woche teilen und einen Schwenk auf das Thema genKI machen. Ein LinkedIn-Post von Alice Greschkow zur Wirkung von KI auf Arbeit. Kernaussage: Produktivität steigt leicht, gleichzeitig sinkt die fokussierte Arbeitszeit. Mehr Output, aber weniger Tiefe. Das trifft auch ziemlich genau mein aktuelles Erleben. Ich probiere viel mit KI aus, nutze unterschiedliche Tools für unterschiedliche Aufgaben und bekomme tatsächlich mehr erledigt. Gleichzeitig habe ich häufiger das Gefühl, dass die Arbeit kleinteiliger wird. Mehr Ergebnisse, mehr Ideen, aber auch mehr Dinge, die geprüft, sortiert und eingeordnet werden müssen. Ich bin zunehmend erschöpft durch das Arbeiten mit KI. Nachdem ich den Beitrag gelesen hatte, habe ich erst mal während des Gassigehens mit ChatGPT darüber gesprochen (natürlich, mit wem auch sonst?!). Ich habe ‚ihm‘ mein ganzes Leid über Arbeiten mit KI geklagt. Witzigerweise hat ChatGPT dem Chat die Überschrift „Sinnkrise durch KI-Arbeit“ gegeben, was ganz gut passt (wenngleich etwas zu dramatisch) ChatGPT hatte zwar auch keine wirkliche Lösung für mich, gab mir aber immerhin das Gefühl, nicht alleine zu sein: „Das, was du beschreibst, ist kein individuelles Problem, sondern ein strukturelles Phänomen, das gerade in vielen wissensbasierten Berufen auftaucht“. Tja, ich muss also wohl weiter damit leben und umgehen.
Noch ein letzter Take: Heute Morgen habe ich zum ersten Mal an der Fraunhofer-Digitalreihe „Work Forward: Zukunftsfähige Arbeitswelten in turbulenten Zeiten“ teilgenommen. Thema heute war „AI Organisation – wenn KI zur Arbeitskollegin wird“. Das meiste von dem, was Wolfgang Beinhauer, Head of Organisational Design am Fraunhofer IAO, vorgestellt hat, war nicht neu für mich und daher auch nicht überraschend. Trotzdem gab es interessante Impulse. Zentral war für mich die Verschiebung der Perspektive: Weg von KI als Tool oder Assistenzsystem hin zu KI als Bestandteil der Organisation selbst. In dieser Logik ist Organisation kein Zusammenschluss von Individuen mehr, die Werkzeuge nutzen, sondern ein hybrides sozio-technisches System, in dem Aufgaben, Verantwortlichkeiten und Entscheidungskompetenzen zwischen Mensch und KI verteilt sind. KI agiert dann nicht mehr nur für den Menschen, sondern mit ihm, inklusive klar definierter Verantwortungsanteile. Entscheidend ist dabei weniger die Technologie als die Art, wie Arbeit organisiert wird. Die eigentliche Herausforderung liegt aktuell darin, dass genau dieses Systemdenken häufig fehlt und KI weiterhin primär als Tool eingesetzt wird. Gleichzeitig wurde auch die Kehrseite thematisiert: Studien zeigen, dass KI Arbeit nicht unbedingt reduziert, sondern eher intensiviert. Aufgaben werden schneller erledigt, gleichzeitig steigt das Volumen, fachfremde Tätigkeiten werden übernommen und die kognitive Belastung nimmt zu, nicht zuletzt durch parallele Prozesse und ständiges Umschalten. Zum Thema der Übernahme fachfremder Tätigkeiten blieb mir vor allem ein Punkt hängen, ein Kommentar aus dem Chat: „Für mich eine der riesigen Hebel: Fachexperten können ihrer Domäne Lösungen erstellen, ohne über die (Missverständnis-)Kette LH – PH- Realisierung durch IT-Experten gehen zu müssen. Für skalierbare und vor allem resiliente Lösungen, müssen die dann vmtl. immer noch ran, haben dann aber den voll-funktionalen Prototypen schon an der Hand.“ Das finde ich einen sehr guten Ansatz – Prototypen über genKI und das finale Produkt dann über die IT-Abteilung.
