Gegen die „Stillsitzlehre“

Stundenlanges Sitzen in Lehrveranstaltungen, auch in den Pausen kaum Bewegung, weil man schlapp ist – Realität in meinem eigenen Studium und in meiner eigenen Lehre. Bis vor knapp zwei Jahren. Da wurde das Competence & Career Center der Hochschule RheinMain, wo ich arbeite, u. a. mit dem Hochschulsport zum LehrLernZentrum vereint. Und plötzlich war das Thema „Bewegung“ keines mehr, das man einfach in der Freizeit verfolgt (oder eher nicht verfolgt, so wie ich), sondern das man im Idealfall als selbstverständlichen Bestandteil der eigenen Lehre und auch des eigenen Arbeitens betrachtet.


Diese Woche habe ich nun das Heidelberger Modell der bewegten Lehre entdeckt, das von einem Team aus Pädagog:innen und Gesundheitswissenschaftler:innen der PH Heidelberg entwickelt wurde. Das Modell setzt an der „Stillsitzlehre“ an (großartiger Begriff, finde ich!) und möchte dieser etwas anderes entgegensetzen. Es möchte „eine stärkere Menschgemäßheit in der Lehre anbahnen, indem es das […] menschliche Bedürfnis nach Sitzunterbrechung, Haltungswechsel und regelmäßiger Mikro-Bewegung – (Auf-)Stehen und (Umher-)Gehen – umsetzt“ (Rupp et al. 2020, 15). Ein wunderbarer Ansatz! Ich lasse mich schnell von klugen Ideen begeistern und so habe ich das kleine Springer-Essentials-Bändchen (53 PDF-Seiten) in dieser Woche in einem Rutsch durchgelesen. Jetzt würde ich das Buch gerne allen Hochschullehrenden schenken – in der Hoffnung, dass nach dieser Lektüre endlich die „brains on sticks“-Vorstellung aufgegeben wird.


Ein Fachbegriff, den ich in diesem Kontext gelernt habe, ist „sedentäres Verhalten“. Dieser Begriff beschreibt „geringfügig energetisch beanspruchendes Verhalten während der Wachzeit“ – also etwa das andauernde Sitzen während eines normalen Arbeits- oder Studientages vieler Menschen an Hochschulen (Rupp et al. 2020, 6). Das Heidelberger Modell bietet ein mehrdimensionales Baukastensystem mit zahlreichen Anregungen für bewegte Lehrformate auf unterschiedlichen Interventionsebenen, um genau diesem Verhalten entgegenzuwirken.


Die Vorteile einer bewegten Hochschullehre sind vielfältig und werden von Rupp et al. (2020) durch den Verweis auf zahlreiche Studien empirisch untermauert: Neben der Reduzierung von gesundheitlichen Risiken, die mit langem Sitzen verbunden sind, wirkt sich Bewegung auch positiv auf die kognitive Leistungsfähigkeit, die Aufmerksamkeit, die Motivation und das Wohlbefinden der Studierenden aus und kann somit das Lernen unterstützen. In diesem Zusammenhang wird auch von Embodied Learning oder Embodied Cognition gesprochen – wir haben also eine Win-Win-Situation für Körper und Geist.
Den Heidelberger:innen geht es dabei dezidiert nicht darum, dass man als Lehrperson alle 20 oder 30 Minuten eine kurze Pause macht, in der die Studierenden aufstehen und sich bewegen sollen. Solche Bewegungspausen, die „als ‚Durchhaltespiele‘ einer traditionellen Sitzlehre dienen“ haben nämlich „keinen nachhaltigen Effekt auf ein insgesamt erhöhtes Bewegungsverhalten im Tagesverlauf“ (Rapp et al. 202, 9; hier wird Watson et al. 2017 zitiert). Stattdessen wird das Konzept der „bewegungsaktivierenden Unterrichtsstunden“ propagiert, in denen der Lerninhalt direkt mit Bewegung verknüpft wird. Solche Art von Lehre hat dann auch einen nachhaltigen Effekt auf ein erhöhtes Bewegungsverhalten am Tag (hier wird Norris et al. 2019 zitiert).


Kapitel 5 des Buches enthält dann auch, wie sollte es anders sein, konkrete Praxisbeispiele. Bewegungsaktivierung während der Lehre kann ganz niederschwellig erfolgen, etwa durch Punktabfragen auf Pinnwänden (z. B. als Feedback), durch die Sicherung von Arbeitsergebnissen in Form von Wandzeitungen, durch Walk’n‘ Talks während Seminarsitzungen. Auch eine Idee: Wenn ich in Seminaren mit analogen Arbeitsblättern arbeite, müssen sich die Studierenden die Arbeitsblätter selbst von einem Tisch holen, anstatt dass ich sie ihnen gebe. Die Studierenden wissen dann auch schon, dass sie nicht einfach Ihren Sitznachbar:innen eine Kopie mitbringen dürfen, sondern dass jede:r selbst aufstehen muss, so sie:er kann. Das sorgt meistens auch für Lacher zwischendrin – und wir alle wissen doch, wie gut und auch lernförderlich Humor in der Lehre ist. Zwei Fliegen werden hier also mit einer Klappe geschlagen.


Und wer jetzt noch nicht überzeugt ist und noch mehr Argumente für bewegte Hochschullehre braucht, dem empfehle ich wärmstens die Lektüre der Theoriekapitel des kleinen Büchleins der Heidelberger:innen, in dem sie Forschungsarbeiten zu den positiven, lernunterstützenden Effekten von Bewegung in der Lehre zusammentragen.

Edit: Anlässlich dieses Blogartikels wurde ich vom Podcast Lehrreiche Hochschulinnovationen eingeladen. Die Folge mit mir zum Thema „Bewegung in der Hochschullehre“ gibt es hier.

Edit: Inzwischen habe ich einen One Pager zu dem Thema erstellt, den ich Lehrenden vor meinen Seminaren zukommen lasse. Er steht unter CC BY-NC-SA 4.0 Lizenz.