Ich habe in den letzten Tagen das neue Buch von Rainer Mühlhoff, Mathematiker und Philosophie-Professor an der Uni Osnabrück, dort Leiter des Forschungsbereichs „Ethik und kritische Theorien der künstlichen Intelligenz“ gelesen: Das Buch trägt den Titel Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus und ist am 16.07.2025 bei Reclam erschienen. Schon der Titel macht deutlich, wohin die Reise geht: Es geht nicht um eine weitere technische Einführung in KI (auch wenn es dazu im Buch auch ein Kapitel gibt), auch nicht um einen nüchternen Überblick über aktuelle Anwendungen, sondern um eine grundsätzliche politische, philosophische und gesellschaftliche Analyse. Mühlhoff fragt, welche ideologischen Strömungen, Machtinteressen und politischen Projekte sich heute mit Künstlicher Intelligenz verknüpfen. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass hier gefährliche, teilweise faschistoide Dynamiken sichtbar werden.
Mühlhoff zeigt zunächst, wie eng aktuelle Tech-Narrative mit Strömungen der extremen Rechten verwoben sind. Er arbeitet heraus, dass sich im Internet Subkulturen gebildet haben – von Trollen und Maskulinisten bis hin zur sogenannten Manosphere oder der „Dark Enlightenment“-Bewegung –, die allesamt ein technopolitisches Denken befördern, das autoritär und elitär geprägt ist. Diese Szenen sind für ihn mehr als Randphänomene: Sie bilden das ideologische Milieu, in dem sich digitale Technik mit politischen Projekten der Ausgrenzung verbindet.
Ein zweiter wichtiger Punkt des Buches ist die Beobachtung, dass Technologie historisch immer wieder als Machtinstrument diente und dass genau dies auch für KI gilt. Mühlhoff erinnert daran, dass bereits der historische Faschismus, etwa von den Nazis, die enge Allianz von Industrie, Politik und modernster Technik suchte (bei den Nazis waren es die Lochkarten von IBM, wovon ich bislang nie gehört hatte). Heute, so die Argumentation, setzt sich dieses Muster fort: Tech-Milliardäre wie Elon Musk verkörpern eine Dialektik der Aufklärung im Sinne von Horkheimer und Adorno – also das mittelfristige Umschlagen von Befreiungsversprechen der gesellschaftlichen Aufklärung in neue Herrschaftsformen. Fortschritt führt hier nicht zur Emanzipation, sondern zur Verstärkung von Abhängigkeit und Kontrolle.
Mühlhoff warnt, dass eine KI-gestützte Digitalisierung des Staatswesens kaum denkbar ist, ohne dass massenhaft Daten in die Hände privater Konzerne gelangen. Und ohne klare Regulierung droht, dass diese Daten nicht nur staatlich, sondern auch privatwirtschaftlich genutzt werden – mit der Folge, dass gerade verletzliche Bevölkerungsgruppen systematisch benachteiligt oder ausgeschlossen werden. Das Risiko ist also nicht abstrakt, sondern betrifft die reale soziale Gerechtigkeit.
Besonders zugespitzt beschreibt Mühlhoff die Pläne rechter Bewegungen, die eine vollständige Verschmelzung von Staatsmacht und technologischer Macht anstreben. In einem solchen Szenario verstärken sich antidemokratische Verfahren und die ökonomischen Interessen der KI-Industrie gegenseitig, sodass eine Dynamik vorliegt, aus der ein neues, digital gestütztes faschistisches System entstehen könnte.
In den KI-Erfolgsnarrativen steckt oft ein Heilsversprechen, das Mühlhoff strukturell mit dem nationalsozialistischen Mythos vom tausendjährigen Reich vergleicht: Auch hier wird eine strahlende Zukunft in Aussicht gestellt, allerdings exklusiv für jene, die in die Logik von Rassismus, Eugenik und Hierarchisierung von Menschen passen. Wer nicht dazugehört, wird ausgeschlossen, entrechtet oder ausgebeutet.
Mühlhoff insistiert, dass die Frage, wie wir uns die Zukunft mit oder ohne KI vorstellen, nicht allein den Eliten des Silicon Valley überlassen werden darf. Nur wenn wir die ökonomischen und machtpolitischen Interessen studieren, die gegenwärtig die Entwicklung der Technologie bestimmen, können wir ein kritisches Instrumentarium entwickeln, das es uns erlaubt, verantwortlich über KI-Zukünfte nachzudenken und zu streiten. Dabei betont er auch, dass es gefährlich ist, sich zu sehr auf Zukunftsvisionen zu fixieren – denn KI wirkt längst in der Gegenwart und hat konkrete, globale, ökologische, ökonomische etc. Auswirkungen auf das Leben von Menschen.
Am Ende plädiert Mühlhoff klar: Bewusste Regulierung sei das stärkste demokratische Instrument, das wir haben, um den Umgang mit KI aktiv zu gestalten. Nicht weniger, sondern mehr Regulierung sei nötig – und zwar eine Regulierung, die von einem starken demokratischen Gemeinwesen getragen wird.
Für mich war die Lektüre sehr spannend, immer wieder aufgrund der Natur des Gegenstandes auch recht beklemmend. Von einigen der rechten Bewegungen, die Mühlhoff beschreibt, hatte ich bereits gehört, ebenso von der Verflechtung von Tech-Szene und reaktionären Ideologien. Aber die Wucht, mit der er die Verschränkungen zwischen technologischer Macht, Profitinteressen und autoritären Politiken herausarbeitet, hat mich überrascht. Das Buch macht sichtbar, wie tief diese Dynamiken reichen und wie gefährlich sie werden können.
Gleichzeitig habe ich beim Lesen gemerkt, dass ich eine gewisse Ambivalenz verspüre. Ich sehe, wie überzeugend Mühlhoff das Dunkle an KI und den dazugehörigen Ideologien darstellt. Und doch fällt es mir schwer, KI ausschließlich durch diese Linse zu betrachten. Vielleicht ist das naiv – und vermutlich würde Mühlhoff genau das sagen: dass ich damit schon einem Narrativ der Konzerne aufsitze, die uns glauben machen wollen, dass KI eigentlich ein neutrales Werkzeug sei, das nur richtig eingesetzt werden müsse.
Und trotzdem halte ich daran fest: KI muss nicht zwangsläufig nur Negatives hervorbringen. Sie kann auch zum Guten genutzt werden, vorausgesetzt, wir schaffen es, die gesellschaftlichen Bedingungen und die Regulierung so zu gestalten, dass Machtmissbrauch verhindert und demokratische Werte gestärkt werden. Das klingt natürlich, ich weiß, wieder recht hohl und phrasendrescherisch. Trotzdem glaube ich daran. Ich denke, dass wir gut tun, AI Literacy an Schulen und Hochschulen immer im Kontext von KI-Ethik zu behandeln – und zwar nicht so, dass auf der ersten PPT-Slide „Datenschutz“ steht und alle direkt wegdösen. Sondern anders, warum z. B. nicht durch eine gemeinsame Lektüre von (Teilen von) Rainer Mühlhoffs Buch? Das Buch zwingt nämlich dazu, die eigenen Positionen zu hinterfragen, Widersprüche auszuhalten und die politischen Dimensionen von KI nicht auszublenden.