Diese Woche gibt es mal wieder eine Buchrezension und zwar von Die Optimierungslüge (brand eins books). Wir haben mehr Tools, mehr Meetings, mehr Abstimmungen als je zuvor und trotzdem bleibt am Ende des Tages das Gefühl, kaum zu dem gekommen zu sein, was eigentlich wichtig war. Wissensarbeit ist zur Dauerbeschäftigung mit sich selbst geworden. Organisation ersetzt Arbeit, Kommunikation ersetzt Ergebnis, Beschäftigtsein ersetzt Fortschritt. Genau hier setzt Markus Albers mit seinem Buch an, das den Untertitel „Warum wir keine Zeit mehr haben, unsere Arbeit zu machen“ trägt. Seine zentrale These ist ebenso simpel wie ernüchternd: „Wir organisieren und kommunizieren immer mehr, aber wir erschaffen immer weniger“ (S. 8).
Auf 122 Seiten liefert Albers eine prägnante Diagnose einer Arbeitswelt, die sich im eigenen Prozessdenken verfangen hat. Das Buch liest sich schnell, ist klug komponiert und versammelt viele bekannte Stimmen aus der New-Work-Debatte. Doch wer hofft, hier eine radikal neue Antwort auf das Zeit- und Sinnproblem moderner Arbeit zu finden, wird enttäuscht werden. Das Buch gewinnt aber dort, wo Albers Stimmen bündelt.
Der Autor beschreibt einen Zustand, den er „Prozessionismus“ nennt – ein System, das zwar enorme Aktivität erzeugt, aber kaum noch echten Fortschritt. Das Problem liegt laut Hans Rusinek auch darin, dass uns die „Resonanz“ fehlt. Während ein Tischler am Ende des Tages sieht, was er am Holz geschafft hat, versuchen Wissensarbeitende diesen fehlenden Erfolgsmesser durch ständige Jours fixes und Überkommunikation zu kompensieren. Wir bauen uns quasi eine künstliche Bestätigung, weil wir nicht mehr wissen, wann die Arbeit eigentlich fertig ist.
Warum wir uns dennoch freiwillig „in Videocalls versklaven“ (S. 30), führt Albers auf drei Fehlstellungen zurück. Erstens auf die Strukturen: Wissensarbeit wird zunehmend selbstreferenziell, viele White-Collar-Jobs scheinen nur noch damit beschäftigt zu sein, ihre eigene Existenz zu rechtfertigen. Zweitens spielt die Psychologie eine Rolle: Wir haben einen angeborenen Widerwillen gegen das Weglassen. Wir wollen immer hinzufügen, nie subtrahieren. Zudem ist Zeitnot ein Statussymbol geworden: „Zeitknappheit ist attraktiv […]. Nur wenn ich keine Zeit habe, bin ich ein wertvolles Mitglied. Zeit zu haben, wäre verdächtig“ (Jonas Geißler; S. 37). Drittens versagt das Management, das oft nur noch Altes exekutiert, statt Neues zu moderieren, und Kontrollverluste mit noch mehr KPIs und Tools zu bekämpfen versucht.
Wie schon zu Beginn erwähnt, wird das Buch v. a. durch die vielen Gespräche mit (New) Work Experts lesenswert. So erinnert Cal Newport an die essenzielle Trennung zwischen Deep Work und Shallow Work und plädiert für eine „Slow Productivity“, die paradoxerweise zu besseren Ergebnissen führe. Albers macht u. a. darauf basierend deutlich, dass wir in einem Dauersprint gefangen sind, der uns die Zeit raubt, die wir für Kreativität eigentlich bräuchten – nämlich Zeit, „sich für eine Weile ausdrücklich nicht mit einer Aufgabe zu beschäftigen, sodass das Unterbewusstsein an kreativen Neukombinationen arbeiten kann“ (S. 51). In einer Welt, in der die KI uns das roboterhafte Abarbeiten von Tasks bald abnimmt, liegt unser menschlicher Mehrwert ohnehin darin, „überraschende Verknüpfungen zu liefern“ (S. 100) und aus starren Workflows auszubrechen.
Mein Fazit fällt zwiegespalten aus: Albers liefert eine hervorragende, kompakte Zusammenstellung der aktuellen Debatten und lässt spannende Vordenkende zu Wort kommen. Für Menschen, für die das Thema New Work und die Kritik an modernen Management-Strukturen neu ist, ist das Buch absolut zu empfehlen. Wer sich allerdings schon länger mit der Materie beschäftigt, wird wenig wirklich Neues entdecken. Dass wir in Meetings ersticken und Bullshit Work ein Problem ist, wissen wir längst. Und auch Albers kann hier am Ende keine wirklich überzeugende, allgemeingültige Lösung präsentieren. Er mahnt jedoch zu Recht: „Wir brauchen eine neue Grammatik des Schaffens. Wir müssen die Definition zurückerobern, was gelingende Arbeit ausmacht“ (S. 13).
Ansonsten war diese Woche für mich sehr aufregend, da ich im Rahmen meines Ehrenamtes beim ADFC Wiesbaden/Rheingau-Taunus meine erste Podiumsdiskussion moderieren durfte. Ich war davor sehr aufgeregt, hatte auf der Bühne dann aber großen Spaß und habe mich auf der Bühne, wie immer, pudelwohl gefühlt 🙂 Falls sich jemand für Verkehrspolitik interessiert, dann gibt es hier die Aufzeichnung des Abends zum Nachschauen.
