22. Mai 2026
KI verzeiht keinen Wissensstolz
Am 20. Mai 2026 veröffentlichte Thariq Shihipar aus dem Claude-Code-Team bei Anthropic seinen Text Using Claude Code: The Unreasonable Effectiveness of HTML. Kurz zuvor hatte Andrej Karpathy denselben Gedanken auf X veröffentlicht: Output einfach als HTML-Datei speichern lassen.
Innerhalb weniger Tage verschiebt sich damit etwas, das im KI-Alltag vieler Wissensarbeiter:innen fast schon wie ein Standard wirkte. Markdown war in den letzten Monaten das naheliegende Format. Jetzt zeigt sich, dass das aber offensichtlich nur ein Provisorium war.
An solchen Verschiebungen zeigt sich sehr deutlich, wie man generative KI im Jahr 2026 betrachten sollte. Die Halbwertszeiten sind extrem kurz; es gibt quasi keinen „stabilen" Wissensvorsprung.
Viele stellen trotzdem immer noch dieselbe Frage: Bin ich schon zu spät? Habe ich genug verstanden? Diese Denkweise passt aber schlecht zu einem Feld, in dem sich schon das Format des sinnvollen Outputs innerhalb weniger Monate verschiebt.
Anja Wagner schreibt dazu in ihrem Blogpost – und für mich ist das ein wunderbarer Gedanke: „Handlungsfähigkeit im KI-Zeitalter bedeutet nicht Vorsprung, sondern Gelassenheit". Darin, dass sich so viel in so kurzer Zeit ändert, liegt etwas sehr Entlastendes: Selbst wenn ich mal etwas nicht mitbekommen habe, ist das nicht schlimm.
Anja Wagner hat diese Woche nochmals einen Blogpost veröffentlicht: „Der teuerste KI-Fehler [besteht darin], Wissen über KI [zu] sammeln, statt damit zu arbeiten". In Organisationen gelten als Fortschritt oft Einführungskurse, Richtlinien, Pilotprojekte und Präsentationen. Das sind Sichtbarkeitsnachweise. Sie sagen aber wenig darüber aus, ob Menschen auch ein belastbares Urteil entwickeln.
Und hier liegt die Verbindung zur Schnelligkeit der technologischen Veränderung: Gerade weil sich Standards, Tools und Interfaces so schnell verschieben, verliert angehäuftes KI-Wissen auf Distanz schnell an Wert. Anja Wagner führt hierfür Andrej Karpathy selbst als gutes Beispiel an: Er hat OpenAI mitgegründet, Teslas Autopilot-Team aufgebaut. Im Januar schrieb er, Claude Code habe seine Art zu programmieren stärker verändert als alles andere in seiner zwanzigjährigen Karriere. Erst schrieb er den Großteil seines Codes selbst, wenige Wochen später ließ er die KI den Großteil erledigen.
Wer nur über KI spricht, sammelt Begriffe. Wer mit KI arbeitet, entwickelt ein Gespür für Richtung, Tempo, Grenzen und Einsatzpunkte. Dieses Gespür lässt sich nicht delegieren, sondern entsteht nur im Tun selber. Die besseren Entscheidungen werden in den nächsten Jahren von den Menschen kommen, die Veränderungen früh genug sehen und ihren Arbeitsmodus daran anpassen.